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Brief an Tina

11.12.2007

Anti-D’s, Anti-Der,Die,Das : Ein Brief an Tina oder das Plädoyer, sich neuen Theoriefeldern aus einem antinationalen Blickwinkel zu nähern.

Bekannterweise sitzt die innerlinke Spaltung tief. Da drücken die einen ihre Solidarität zu den armen, unterdrückten Völkern aus und halten sich damit für revolutionär. Die nächsten schwenken mit der blau-weißen Fahne, und wieder andere sind „irgendwie gegen alle Staaten, und so“. Würde man alle in einen Raum werfen, dauerte es nicht lange, bis man aus dem Inneren Schreie hörte : „Rassist!“ „Antisemit!“ „Faschist!“ „Nazi!“. Die echten Rassisten, Antisemiten, Faschisten und Nazis können sich über diesen Zustand nur freuen.

Menschen und Gruppen, die sich als „antinational“ betiteln konzentrieren sich in ihren Theorieschwerpunkten meist auf den Konstruktions- und Herrschaftscharakter von Nationen. Ihre Existenz sei der reinste Ausdruck von Herrschaft, ihre Abschaffung also im Umkehrschluss wichtigste Forderung, um einen Emanzipations/Revolutionsprozess in Gang zu setzen. Genau hier bleiben sie stehen, theoretisch und vorallem auch realpolitisch, gehen wir jetzt mal von der wirren Annahme aus, die radikale Linke sei in der Lage Einfluss auf Politik zu nehmen. Eine tiefere, theoretische Beschäftigung, z.B. mit Ökonomie, und den sich hier auffindbaren Herrschaftsstrukturen, wird gerne mit dem Argument abgelehnt, das sei „Antideutschen-Kram“. So gehört es mittlerweile zum guten Ton, Würgegeräusche von sich zu geben, wenn ein Begriff wie „Neue Marx-Lektüre“ fällt. Damit verharrt man bei einem „Dagegen-Antikapitalismus“, gespeist aus erlebten Realitäten, ohne eine Möglichkeit, Kapitalismus auch in seinen inneren Funktionsweisen zu verstehen und zu kritisieren. Auf diesem Linkspartei-Stammtisch-Niveau ködert man sich vielleicht den ein oder anderen Punker für die nächste Demo; Weiterentwicklung oder gar ein Wachstum aus der Marginalisierung heraus sind damit aber völlig unmöglich.

Das alles ruft natürlich Kritiker auf den Plan, und schon landen wir an dem geographischen Kristallisationspunkt, der den wohl tiefsten Riss durch die deutsche radikale Linke zieht : Israel.

Vertreter des Antinationalismus waren bisher unfähig, sich in den Wirren des Streites eine klare Positionierung zu errichten. Diese Positionssuche wird immer wieder durch vermeintliche und echte Provokationen sowie Polemiken aus allen Lagern bombardiert, durch die das Thema eine Emotionalisierung erfahren hat, die jede konstruktive Diskussion im Keim erstickt. Und so kommt es schließlich dazu, dass die unterschiedlichsten Leute ihre verschiedensten Inhalte unter dem Begriff „Antinationalismus“ diskutieren. Manche halten den Kampf des palästinensischen Volkes gegen die kapitalistische Nation Israel für besonders antinationalistisch und antikapitalistisch, andere sehen in ihm den tiefsten Ausdruck von Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus.

Allen gemein ist es, oft nicht genug zwischen realpolitischer und theoretischer Ebene zu unterscheiden. Die theoretische Forderung, alle Staaten abzuschaffen, in die realpolitische Forderung umzusetzen, Israel gehöre wegen seiner Staatlichkeit bekämpft, genau so, wie andere Staaten bekämpft gehörten, hält den Realitäten im Nahen Osten aber nicht stand ; Trotz ihrer Praxis, die man konstruktiv kritisieren können muss (mit dem Ziel, einen Friedensprozess in Gang zu bringen) , ist Israels Existenz und militärische Verteidigung realpolitisch eine zwingende Maßnahme gegen den wahnhaften Antisemitismus in der (arabischen) Welt. Wer diesen Fakt nicht akzeptiert muss aus jeder antinationalen Debatte ausgeschlossen werden. Israels Nationalismus, der Zionismus, ist nicht nur vom Namen her von anderen Nationalismen zu unterscheiden. Auch der deutsche Nationalismus lässt sich nicht etwa mit dem französischen Nationalismus gleichsetzen ; Es gibt eine Tendenz im Antinationalismus, eine Beschäftigung mit der Verschiedenartigkeit von Nationalismen mit dem Verweis auf das „Alle Staaten sind scheiße“-Argument zu delegitimieren. An dieser Stelle zeigt sich auch eine oft auffindbare Theorielosigkeit oder gar Feindlichkeit. Wichtig ist aber auch, sich diese Dinge in Distanzierung von Staatssolidarität und Israel-Fahnen-Geschwänke bewusst zu machen – Sensibilität für den Konflikt statt blinde, Widersprüche übergehende Solidarität mit einem Konfliktteilnehmer.

Dieser Brief soll ein Plädoyer sein, sich neuen Theoriefeldern aus einem antinationalen Blickwinkel zu nähern. Wer am Begriff des Antinationalismus festhalten will, muss für seine Weiterentwicklung eintreten. Dazu gehört es, sich eine vernünftige Kapitalismusanalyse und -kritik anzueignen – und hier kommt man z.B an Marx einfach nicht vorbei. (Kleiner Tipp zum Lesen : Kritik der polit. Ökonomie) Dazu gehört, sich wirklich mit dem Nahen Osten zu beschäftigen, Literatur aus verschiedenen Richtungen zu lesen, und aufhören zu glauben, nur mit einem „no border – no nation“ könne man einen realen Konflikt lösen. Dazu gehört, die Distanzierungsschwierigkeiten zu Volkssolidarisierern zu bewältigen, sie aus Zusammenhängen auszuschließen und es ihnen unmöglich zu machen, sich den Begriff des Antinationalismus auf die Fahnen zu schreiben – weil der Begriff dann mit neuen Inhalten besetzt sein wird. Der Antinationalismus muss sich der innerlinken Kritik aus sog. „antideutscher“ Richtung selbstbewusst stellen, mit ihr in konstruktiven Diskurs treten und sich aus ihr heraus neu erfinden.

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