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Aufruf zur Demo am 20. Juli in Haltern am See

11.7.2008

Geh-Denken gegen Geschichtsrevisionismus und Nationalismus – 20. Juli 08′ , 13 Uhr Bahnhofsvorplatz

link zum flyer

Am 20. Juli wollen sog. „Heimatvertriebene“ aus Schlesien zusammen mit dem Bund der Vertriebenen in Haltern am See zum 52. mal ihr alljährliches „Schlesiergedenken“ auf dem hiesigen Annaberg veranstalten.
Während sich bisher niemand an alten Männern in militärischen Uniformen, Frauen und Kindern in völkischen Trachten, „geistlich-heimatlichen Liedguts“ und einem bitteren Beigeschmack nationalsozialstischer Folklore gestört hat, wollen wir das zur Halterner CDU-Nest-Selbstverständlichkeit gehörende alljährliche Treffen diesmal aus seiner Deckung holen und skandalisieren, dass Oma, Opa und Hans-Peter sich in Opfermystik, Nationalkult und Geschichtsrevisionismus selbst abfeiern. Dass die „Landsmannschaft der Oberschlesier“, Teil des „Bundes der Vertriebenen“, andernorts sogar offen mit Neonazi-Kameradschaften zusammenarbeitet, etwa beim Schlesiergedenken auf dem Annaberg in Schliersee (Bayern), ist ebenfalls nicht von Interesse. In dieser „Kameradschaft Freikorps- und Bund Oberland“ war unter anderem Heinrich Himmler Mitglied, Adolf Hitler nahm in den zwanziger Jahren persönlich am dortigen „Gedenken“ teil.

Eine kurze Geschichtsstunde

Am 1. September 1939 überschritten Deutsche Soldaten die Grenze zu Polen, um den von langer Hand geplanten Vernichtungskrieg gegen Juden und Jüdinnen sowie alle als „Untermenschen“ deklarierten loszutreten. Zweck des Krieges ist zugleich Kernelement des Nationalsozialismus als völkisch-regressiv-antikapitalistischer Aufbruch gegen die Moderne, nämlich die restlose Vernichtung aller Juden und Jüdinnen, weil sie in dieser falschen Kapitalismuskritik mit den als „raffend“ gebrandmarkten Erscheinungen und Sphären der kapitalistischen Vergesellschaftung identifiziert wurden und werden. Diese Tat ist in der besonderen deutschen Ideologie, kristallisiert im Nationalsozialismus, nichts weniger als die Erfüllung der Heilsgeschichte des Deutschen Volkes. Als es aber Anfang 43′ gelang, die brandschatzenden, plündernden und vergasenden Horden Deutscher Wehrmachtssoldaten und SS-Angehöriger zum ersten mal, in Stalingrad, zu schlagen, schritt die Front unaufhörlich zurück in Richtung Berlin. Auf ihrem Weg dorthin, von wo aus der Wahnsinn seinen Ursprung genommen hatte, durchquerten die Angehörigen der Roten Armee verbrannte Erde, Ascheberge,wo vorher Dörfer und Städte standen, und mussten Vernichtungslager, wie etwa am 27. Januar das zum Synonym für den Holocaust gewordene KZ Auschwitz-Birkenau in Oberschlesien, befreien. Allein an diesem Ort wurden etwa 1,1 Millionen Menschen, davon eine Millionen Juden und Jüdinnen, via industrieller Massenvernichtung ermordet.
Als Konsequenz aus dem was geschehen war wurden die Deutschen, die sich in den teils erst im Krieg besetzten und ins Reich eingegliederten Gaus angesiedelt hatten, aus den Gebieten östlich der in der Potsdamer Konferenz beschlossenen neuen Grenze der Oder-Neiße-Linie teils gewaltsam ausgesiedelt, teilweise flohen sie samt der NS-Vernichtungs- und Administrationselite in das Gebiet der späteren BRD.

Der Bund der Vertriebenen

„Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“ heißt es in der „Charta der Vertriebenen“ von 1950, mit dem der Bund der Vertriebenen heute noch winkt, wenn es darum geht, jeglichen Verdacht auf Rechtsextremismus und Revanchismus zu unterbinden. Da verzichten also Menschen wie der erste Präsident des BdV, Hans Krüger, Nazi der ersten Stunde, bereits 1923 bei Hitlers „Marsch auf die Feldherrenhalle“ dabei, später im Krieg Leiter eines „Sondergerichtes“, das innerhalb weniger Wochen an die 2000 Menschen umbringen ließ, auf „Rache“ und „Vergeltung“. „Ernst und heilig“ sei es den „Vertriebenen“, gerade im Angesicht des „besonderen Leides“, das das „letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat“. Nicht der Angriffskrieg Nazideutschlands also war es, der Leid verursacht hat, sondern „das letzte Jahrzehnt“. Diese Formulierung ist in etwa so anti-revanchistisch wie Adolf Hitler am 30. Januar 39′ Pazifist war, als er „das internationale Finanzjudentum“ warnte, die „Völker [nicht] noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen“. Weiter heißt es im selben Text : „Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, dass das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.“ Was soll das von „Gott geschenkte Grundrecht“ auf Heimat anderes sein als nationalsozialistische Blut- und Boden-Ideologie ?
„Worauf die Vertriebenen in ihrer Charta großherzig verzichten, sind nun keineswegs Ostpreußen, Pommern oder Schlesien, sondern lediglich Racheaktionen an Polen, Russen und Tschechen.“ (Jungle World zum 50jährigen Jubiläum des BdV) Insofern ist es eine blanke Farce, wenn der BdV davon spricht, schon 1950 auf Revanchismus „verzichtet“ zu haben, während man die verlorenen Gebiete am liebsten noch heute „heim ins Reich“ holen würde.

Der Bund der Vertriebenen ist ein in NS-Kontinuität stehender Verein, der es nie schwer hatte, NS-Gedankengut, Geschichtsfälschung, Revanchismus und Nationalismus in die Mitte des postnazistischen Deutschlands zu tragen, sogar massiv in die Politik zu intervenieren. Er erhält staatliche Förderungsgelder mit denen er seine Treffen organisiert, die von der einfachen Trachtenshow über die schlesische Leberwurst bis zur geschichtsverfälschenden Verschwörungswahnrede alles abdecken, was das deutsche Herz begehrt. Mit dem „Block der Heimatvertriebenen“ war er sogar kurzzeitig im ersten BRD-Parlament vertreten. Mit seinem „Zentrum für Flucht und Vertreibung“ in unmittelbarer Nähe zum Holocaustdenkmal in Berlin wird in naher Zukunft auf sein Bestreben hin auch offiziell eine Gleichsetzung des Leids der NS-Opfer mit den Opfern der Aussiedlung in die Gedenkkultur der BRD Einzug halten. Und die heutige Präsidentin Erika Steinbach (CDU) gab erst jüngst bekannt, dass sie „keine Probleme“ mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes habe. Auch nicht mit ihrem öffentlichen Absingen. Seine Mitglieder und Funktionäre waren und sind oft aufs äußerste in konkrete NS-Verbrechen involviert, nicht selten gibt es Personalkontinuitäten zwischen Gauleitungen aus der Kriegszeit und Landsmannschaftsleitungen.

Da wäre z.B. Rudolf Wagner, dem Gerhard Schröder persönlich anlässlich des 50. Jahrestags der Unterzeichnung der Charta der Vertriebenen am 3.11.00 gratulierte, weil er der letzte noch lebende Unterzeichner war. Er wurde als „Mann der ersten Stunde“ gefeiert. Sein Verhalten fand ebenso Anklang bei seinem Dienstvorgesetzten im Reichssicherheitshauptamt, und zwar 1944. Dort wird er als „klar und sauber“ beschrieben; „Wagner ist in seiner nationalsozialistischen Haltung klar ausgerichtet und kompromißlos.“. Von 38′ bis 40′ arbeitete er im Wannsee-Institut der SS der „völkischen Neuordnung Europas“ zu. Danach wird er als Befehlshaber der Sicherheitspolizei nach Paris versetzt, später nach Belgrad. Seine SS-Einsatzgruppe hatte den Befehl, nach der militärischen Niederlage Jugoslawiens die „Sicherstellung von Emigranten, Saboteuren, Terroristen, Kommunisten und Juden“ durchzuführen. Nach 45′ wird er Geschäftsführer des „Hilfskomitees der evangelischen Umsiedler aus der Bukowina“, Sprecher der „Landsmannschaft der Deutschen aus der Bukowina“ und unterzeichnet in dieser Funktion die Charta der Heimatvertriebenen.

Die Karriere Erik von Witzlebens, der die Charta als Sprecher der „Landsmannschaft Westpreußen“ unterschrieb, wurde vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler, persönlich gefördert. Am 9. November 1942 wird von Witzleben auf Vorschlag von SS-Obergruppenführer Reinhard zum SS-Sturmbannführer ernannt. Der schnelle Aufstieg von Witzlebens, der am 1. Juni 1940 der SS beitrat, erklärt sich aus seinem jahrelangen Einsatz für das „Deutschtum“ in Polen. In der Begründung für die Beförderung heißt es: „Erik von Witzleben hat sich in der Polenzeit unter Zurückstellung seiner eigenen Interessen rückhaltlos für das Deutschtum eingesetzt (…)“

Wer weitere Unterzeichner-Karrieren nachlesen will sei auf diesen Artikel der Zeitschrift „Konkret“ verwiesen: konkret-verlag.de

Wir möchten mit unserer Demonstration aber keineswegs die deutsche Gesellschaft auf ihren rechten Rand aufmerksam machen und so womöglich noch Staats-Antifaschismus spielen. Vielmehr machen wir es uns zur Aufgabe, eine radikale Analyse und Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse anzustellen. Unser Ziel ist nach wie vor eine Welt ohne Volk, Nation und Heimat. Eine Welt ohne rassistische, sexistische, homophobe oder wie immer geartete Diskriminierung und Gewalt. Nicht zu letzt eine Welt ohne Kapitalverhältnis und dem daraus resultierenden regressiv-antikapitalistischen Wahn des Antisemitismus.

Links ist da wo keine Heimat ist !
Deutsche Täter sind keine Opfer !
Für die „freie Assoziation der freien Individuen“ ! (Karl Marx)

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One comment

  1. Das Annaberg Gedenken in Schliersee fand jährlich am *Weinberg* statt. In 2007 und heuer konnte es allerdings verhindert werden, weil die Landsmannschaft der Oberschlesier wohl keine Lust mehr hatte nach antifaschistiscer Intervention.



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