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Völkische Ideologie als Menschenrecht – Anmerkungen zum BdV

9.11.2008

Völkische Ideologie als Menschenrecht
Anmerkungen zum Bund der Vertriebenen (von Antifaschist_innen aus dem Kreis Soest, veröffentlicht in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift decrypt)

Unter dem Titel „Erinnern – Verstehen – Zukunft gewinnen“ zelebrierte der Bund der Vertriebenen (BdV) in diesem Jahr wieder den „Tag der Heimat“. Wieder erfreute er sich dabei der Unterstützung aus der Kommunalpolitik und konnte seiner Forderung nach einem „Recht auf Heimat“ Nachdruck verleihen. Doch was steckt wirklich hinter dem BdV, einer Gruppe, die sich selbst als Menschenrechtsorganisation präsentiert?

Der in den 1950er Jahren gegründete BdV ist die mitgliederstärkste revanchistische Vereinigung in Deutschland. Gegründet wurde er von den umgesiedelten Flüchtlingen in der jungen Bundesrepublik. Der Verein ist jedoch mehr als eine bloße Interessenvertretung dieser Flüchtlinge. Was er anstrebt, ist die Revision der Nachkriegsordnung und vor allem der Nachkriegsgrenzen. Als Anhänger der völkischen Ideologie verbirgt sich hinter dem eingefordertem „Recht auf Heimat“ die Forderung einen völkisch begründeten Anspruch auf angeblich „deutsches Gebiet“ in Osteuropa geltend machen zu können.

„Heimat“ beruhe auf einer „Volkszugehörigkeit“, die gemäß der Blut-und-Boden-Ideologie begründet wird. Ein Deutscher etwa kann demnach nur sein, wer auch „deutscher Abstammung“ sei. Tatsächlicher Geburtsort und Staatsangehörigkeit spielen hierbei keine Rolle mehr. Ein „Volksangehöriger“ sei mit seiner „Heimat“ naturmäßig verwachsen. Nach Auffassung der „Vertriebenen“ erstrecke sich die „angestammte Heimat des deutschen Volkes“ dann auch weit nach Osteuropa. Hier finden sich auch die erklärten Feinde des BdV. Seine völkische Definition von Nationalität und Heimat hat der BdV mit Anhängern nationalsozialistischer Ideologie gemein. Die völkische Einteilung kann dabei immer nur über Einschluss und Ausschluss funktionieren. Kurz gesagt: Die Definition des Volkes ist nur dann wirksam, wenn sie andere, denen kein Platz in der Volksgemeinschaft gestattet werden soll, auszuschließen weiß. Der Irrsinn der blutsmäßigen Definition geht soweit, dass ein in der Bundesrepublik geborener Nachkomme der „Vertriebenen“ immer noch als vertriebener „Volksdeutscher“ sein „Recht auf Heimat“ in Osteuropa einfordern sollte.

Der BdV propagiert seit seiner Gründung ungebrochen die Gegnerschaft zu den Maßnahmen der Entnazifizierung, als deren Opfer er sich sieht, und ist einflussreichster Vertreter völkischer Ideologie in Deutschland nach 1945. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass viele alte NSDAP-Mitglieder zum BdV gehören und auch noch heute rege Kontakte aus dem „Vertriebenen“-Milieu in die extreme Rechte bestehen. Der öffentlichen Unterstützung tut dies jedoch keinen Abbruch.

Dabei sind Vertreter des BdV, die öffentlich Nazidemonstrationen unterstützen (so geschehen in Münster gegen die Wehrmachtsausstellung), oder Einladungen von Geschichtsverfälschern zu BdV-Veranstaltungen, nur symptomatisch für die dort vertretene Ideologie. Während diese Symptome noch öffentlich kritisiert werden, wird der BdV meist weiterhin hofiert. So fanden sich als im Jahr 2006 Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof als Festredner in Soest eingeladen wurde, noch deutliche Worte der Kritik in der bürgerlichen Presse. Der Generalmajor a.D. wurde, da er die deutsche Kriegsschuld leugnet und den Überfall auf Polen sich als Akt zur „Wahrung der Menschenrechte der Volksdeutschen“ zurecht lügt, treffend als „Kronzeuge der Neonazis“ bezeichnet (Soester Anzeiger, 6.9.2006). Statt aber deshalb ein genaueren Blick auf den BdV an sich zu werfen, mochte man zwar noch die dürftige Distanzierung kritisieren, ging ansonsten dem BdV-Gewäsch von der „Verständigung und Versöhnung unter den Völkern“ aber auf den Leim. So seien durch den – schließlich doch noch abgesagten – „peinlichen und unnötigen Auftritt des ex-Generals Schultze-Rhonhof“ des BdVs „hehre Ziele“ in ihrer Vermittlung gescheitert. Nach dem es öffentlichen Druck gab, wurde der geplante Hauptredner aus „Sicherheitsgründen“ ausgeladen. Eine inhaltliche Distanzierung blieb aus. (Soester Anzeiger, 8.9.2006) Auf besagter Veranstaltung nahm dann auch der Kreisvorsitzende Feuerborn kein Blatt vor den Mund und beschwerte sich über eine „ungeheure Diffamierung“. In Anlehnung an die Positionen seines Wunschredners stellte er die rhetorische Frage „Warum darf ein Deutscher heute nicht mehr die Wahrheit sagen?“. Um welche Art von „Wahrheit“ es ihm ging, war allzu deutlich: So wurde in keinem Satz der deutsche Wahn von „Endsieg“ und „Endlösung“ erwähnt, stattdessen würden die „Vertriebenen neben den Bombenopfern die größte Kriegslast“ tragen. Man versuche „seit 60 Jahren [uns] Geschichte überzustülpen“, echauffierte er sich und stellte die Suggestivfrage, wer denn bestimmen könne, was denn die Wahrheit sei. Empörung im Publikum blieb aus.

Mögen einige Verbandsoberen noch moderatere Töne anschlagen, schlägt ihre Argumentation doch grundsätzlich in dieselbe Kerbe. Vorfälle wie in Soest vor zwei Jahren waren keine Ausrutscher, sondern spiegeln die Ideologie des Verbandes wieder. Während der BdV bestens in der Bundesrepublik integriert ist, hetzte er schon frühzeitig gegen das Asylrecht und forderte dessen Abschaffung. Nicht nur heute sind die Verbandsaktivisten politisch rechtsaußen einzuordnen. Die sich heute als „Vertriebene“ Inszenierenden, waren zum größten Teil Anhänger oder Nutznießer des Nationalsozialismus. Nicht selten kam ihnen eine aktive Rolle zu. Wie der Konkret Autor Erich Später ausführt, hatte die deutsche Minderheit in der Tschechoslowakei z.B. eine „zentrale Funktion bei der Zerschlagung der demokratischen Republik 1938/39 und der Etablierung der siebenjährigen deutschen Besatzungs- und Terrorherrschaft, unter der 260.000 tschechoslowakische Bürger jüdischer Herkunft ermordet und die Auslöschung der tschechischen Nation im Falle eines deutschen Sieges geplant wurden.“

Auf diese historischen Zusammenhänge hinzuweisen, ist notwendig. Schließlich versuchen die „Heimatvertriebenen“ sich selbst als „Opfer des Krieges“ darzustellen und sehen sich so auf einer Stufe mit den tatsächlich von der nationalsozialistischen Barbarei Betroffenen. Nicht zuletzt bliebe an dieser Stelle erwähnenswert, dass für die Umsiedlung die eigene Haltung zum Nationalsozialismus ausschlaggebend war. Der vom BdV forcierten Einebnung von Täter und Opfer gilt es deutlich zu widersprechen. Wenn der BdV jährlich seinen ritualisierten Opfermythos zelebriert, tut eine antifaschistische Linke gut daran, dies nicht unkommentiert zu lassen.

AntifaschistInnen aus dem Kreis Soest
Zum Weiterlesen:

– Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft, konkret texte 38, Hamburg 2005
– „Recht auf Heimat“. „Vertriebenen“-Verbände und „Volksgruppen“-Politik, in: Lotta – antifaschistische Zeitung aus NRW, Nr.20/2005, S. 36ff.

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