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flyer: Protest gegen Sarrazin-Lesung in Recklinghausen

5.11.2010

Heute, am Donnerstag den 4. November stellt Thilo Sarrazin sein Buch “Deutschland schafft sich ab” in der Aula des Recklinghäuser Gymnasium Petrinum vor. Organisiert wurde diese Lesung vom Buchhändler Rudolf Winkelmann und innerhalb von nur 3 Stunden waren alle Plätze ausverkauft. Wieso eigentlich ?
Thilo Sarrazin war von 2002 bis April 2009 für die SPD Finanzsenator im Berliner Senat und anschließend bis Ende September 2010 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank. Schon in den Monaten vor der Veröffentlichung seines nun diskutierten Buches „Deutschland schafft sich ab“ provozierte Sarrazin durch bewusst unsachliche und provokative Äußerungen gegenüber HartzIV-Empfänger und (muslimische) Migranten. Der Länge des Textes wegen widmen wir uns im folgenden nur dem Thema des Rassismus gegen muslimische Migranten, weisen aber auf Parallelen zur „Unterschichtendebatte“ und die Äußerungen Sarrazins gegen HartzIV-Empfänger hin, wenn er in ihrem Zusammenhang von „ökonomischer Unbrauchbarkeit“ spricht. Auch die antisemitischen Implikationen einer von ihm geäußerte genetischen Deklarierung des Jüdischen, gerade weil er sie darin nicht als minderwertig, sondern überdurchschnittlich intelligent bezeichnet, würden den Rahmen eines Flugblattes weit sprengen.

In seinem Buch zeichnet er stets eine Bedrohung „deutscher“ Kultur, die sich gegen „patriarchale“,, „gewalttätige“ und „integrationsunwillige“ Muslime verteidigen müsse. Dass es aber ausgerechnet die deutsche Gesellschaft sein solle, die nicht anhand des Kriteriums des Patriarchalen kennzeichenbar, in der „Gewalt“ nicht Bestandteil der Alltäglichkeit sei, strukturell in Form des staatlichen Gewaltmonopolisten, oder konkret, z.B. in zyklisch wiederkehrenden rassistischen Pogromen wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen oder 2007 in Mügeln, offenbart schnell die Motivlage Sarrazins: Es geht ihm nicht um die neutrale Schilderung eines Sachverhalts in wissenschaftlichem Anspruch, sondern um aktive Politik im Sinne von Stimmungsmache, Polarisierung und Schwarz-Weiß-Malerei. Insbesondere einem, der seinerzeit ins politische Schlaglicht gerückt war, weil er sich Zwangsprostituierte (also Menschen mit einem „Migrationshintergrund“, der keinem Menschen wünschbar ist) auf sein Hotelzimmer bestellte, trotzdem nun aber von den Muslimen vereinfachend als patriarchal spricht, sollte man diese Nummer nicht so einfach abnehmen.
Seine Argumentationsmuster passen dabei bestens in die bereits bestehenden rassistischen Diskurse gegen Muslime, denen eine grundsätzlich von der “europäischen“, „jüdisch-christlichen Kultur“ (wobei gerade die Deutschen bzw. ihre kleinstaatlichen Vorgänger eine weltweit beispiellose Serie an kriegerischen Auseinandersetzungen mit eben diesen Europäern und in der Shoah die Singularität des antisemitischen Massenmordes begangen haben) unterschiedliche „Wesensart“ attestiert wird. All dies sei Bestandteil einer „originär muslimischen Kultur“ die in biologistischer, das heißt auf die Rassenlehre des NS zurückgehenden, Tradition als genetisch und unveränderlich gezeichnet wird, dabei aber obendrein zwischen Kultur und „Biologie“ nur insofern taktisch unterschieden wird, als es der eigenen politischen Meinungsmache dienlich ist. Die Muslime werden so von weiten Teilen der deutschen Mehrheitsbevölkerung primär mit vormodernen Eigenschaften in Verbindung gebracht, worüber diese sich als aufgeklärt und tolerant inszenieren können, während sie aber selbst zu weiten Teilen dieser Eigenschaften anhaftend sind. Ihr Rassismus ist also unter anderem bloße Projektion. Sarrazins absurde Thesen stehen exemplarisch für einen weit verbreiteten, sich in dieser Form gegen Muslime richtenden Rassismus.
Doch die Diskusionen um soziale Ungerechtigkeit und gesellschaftliche Probleme im Allgemeinen stehen immer wieder unter dem Zeichen der Unschuld; nicht das kollektive Wir, sondern die Anderen, das Fremde trägt die Schuld. Sei es die Weltwirtschaftskrise, wo die bösen amerikanischen Manager schuldig sind oder eben am Beispiel der Unterschichtendebatte in Deutschland, in der es leicht ist, den von Arbeitslosigkeit betroffenen selbst die Schuld an ihrer Lage zu geben, weil sie nur unterrepräsentiert an gesellschaftlichem Meinungsaustausch und öffentlicher Debatte teilnehmen und sich gegen ihre Entsubjektivierung durch das Subjekt der öffentlichen Meinung nicht wehren können.
Allen bisher gezeichneten Phänomenen der deutschen Gesellschaft ist gemein: Nicht das eigene Sein in der gesellschaftlichen Struktur wird reflektiert und dann zum Gegenstand der Debatte gemacht, sondern die Bedrohung des Ichs durch fremde, unkonkrete oder ungreifbare Mächte oder Interessengruppen als Fluchtpunkt aus der eigenen Verwicklung in gesellschaftliche Widersprüche und problematischen Verhaltens gewählt und damit obendrein eben jene Widersprüche ideologisch verschleiert.
Ein guter Begriff für die aktuelle Debatte ist der des “Stammtischrassismus”, wenn „Volkshelden“ (so selbst „Der Spiegel“ kritisch) wie Sarrazin oder Roland Koch endlich mal das aussprechen, was die Deutschen sowieso ständig denken, aber sich nicht auszusprechen trauen. Daher ist auch die aktuelle Rede vom „Rechtsruck“ in der „Integrationsdebatte“ wenig hilfreich. Studien, die ein weitgehendes Hineinreichen eigentlich rechtsextremer Denkmuster in die sog. „Mitte der Gesellschaft“ hinein feststellen veröffentlichen jährlich konstant hohe Zahlen in diesem Bereich. Die Deutschen rücken in ihren „Integrationsdebatten“ nicht nach Rechts, sondern es ist ihr latenter kollektiver Rassismus, der sich zyklenartig artikuliert.

Wider den rassistischen Normalzustand! Rassismus hat Struktur und Akteure!

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