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Protest gegen Konzert der Bundeswehr in Recklinghausen

12.12.2010

Gegen ein Konzert des Bundeswehr-Musikkorps Siegburg in der Marienkirche in Recklinghausen-Süd protestierten in den Abendstunden des 10.12. einige autonome Antimilitarist_innen. Am Eingang der an der Ecke Marienstraße/Sedanstraße (Sedan? War da nicht was?) gelegenen Marienkirche versammelten sich gegen 18:30 einige Protestierende, während andere im umliegenden Bereich Flugblätter an Passant_innen und Konzertbesucher_innen verteilten. Dabei wurde insbesondere Wert darauf gelegt, keine antiimperialistischen Reflexe zu bedienen, sondern die Ablehnung des nationalen Gehorsams als Imperativ von kapitalistischer Vergesellschaftung, Weltmarktkonkurrenz und Militarismus in den Mittelpunkt der Aktivitäten gegen die Bundeswehr zu stellen. Die anreisenden Musikanten in Uniform mussten sich ihren Weg in die Kirche unter Trillerpfeifen und Parolen gegen Deutschland, den Kapitalismus und die Rolle der Bundeswehr zwischen die Gruppen der Protestierenden bahnen. Wie bereits im Oktober 2009 in Haltern als auch im September 2010 in Recklinghausen konnte erneut ein Bundeswehrspektakel im Kreis Recklinghausen lautstark und inhaltlich gestört werden.


Wer die Öffentlichkeit sucht muss sie auch ertragen. Gegen die karitative Selbstinszenierung der Bundeswehr!


Protest vs. Polizei, die Marienkirche im Hintergrund – der 10.12. in Recklinghausen Süd

Der verteilte flyer kann hier heruntergeladen werden.
Der Text:
„Uniform und Kirche? Geht nicht?“* – GEHT GARNICHT!
*aus: Recklinghäuser Zeitung, 25.11.
Am 10.12. tritt in der Recklinghäuser Marienkirche das Bundeswehr-Musikkorps Siegburg, offiziell zu karikativen Zwecken, auf. Auftritte dieser Art stehen aber nicht im luftleeren Raum. Die Bundeswehr dringt bereits seit einigen Jahren immer tiefer in zivilgesellschaftliche Bereiche vor, z.B. als vielversprechende Arbeitgeberin oder als Unterstützerin der polizeilichen Staatsgewalt bei Demonstrationen. Einer Kritik an der Bundeswehr vorangestellt ist eine umfassende Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen Armeen agieren und die von ihnen ordnend aufrechterhalten werden. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse nennen wir Kapitalismus. Der innerstaatlichen kapitalistischen Reichtumsproduktion wohnt das selbe Moment der gewalttätigen Verdrängung inne, mit dem sowohl (National-)Staaten einander in der internationalen Konkurrenz um ökonomische und politische Macht, als auch Individuen in ihrer alltäglichen Auseinandersetzung um ihre persönliche Wohlfahrt begegnen. Die vom Staat durchgesetzten Rahmenbedingungen der nationalen Märkte sind die Zementierung von Gewaltverhältnissen in einen kapitalistischen Normalvollzug, der immer nur dann skandalisiert wird, wenn er, wie in seinen zyklisch wiederkehrenden Krisen, die soziale und physische Lebensgrundlage von Millionen von Menschen zerstört. Die durch die Staaten untereinander geregelten Verhältnisse sind diesen entsprechend, sie sind die Übertragung der kapitalistischen Konkurrenz auf den internationalen Verkehr als Weltmarkt, auf dem sich mal mit Staatsanleihen, mal mit Einfuhrzöllen, mal mit Raketenschilden und mal mit ganzen Armeen begegnet wird.
Die Widrigkeiten des Weltmarktes sind aber gleichzeitig der Ausgangspunkt der Politik für das Betreiben von Arbeitslosen- und Krankenversicherung als auch für die Rechtfertigung von Sozialabbau und Lohnverzicht. Die Logik der Sachzwänge befiehlt, dass alle Staatsbürger Opfer im eigenen nationalen Interesse zu erbringen hätten. Das nationale “Wir” kennt keine Klassenunterschiede, sondern nur Volksaufgaben. Die Bürger der Nation sind an ihren Staat und seine außenpolitische Bewährung derart gebunden, dass die Interessen des Staates und seiner Bürger_innen immer wieder in Eins fallen. Wo sie dies nicht direkt tun, muss aber dennoch immer wieder ein wenig „nachgeholfen“ werden.
In den von kapitalistischer Reichtumsproduktion geprägten Gesellschaften, den modernen Nationalstaaten, herrscht ein dynamisches Feld verschiedenster Ideologien vor, die die Hoheitskämpfe um gesellschaftlichen Einfluss und ökonomische Bevor- oder Benachteiligung stets in Recht, Sitte und Ordnung absichern und legitimieren. Diese Ideologien sind so wirkungsmächtig, dass sie gleichzeitig einige Bevölkerungsteile vom Zugang zum produzierten Reichtum ausschließen, andere wiederum bevorteilen, sie aber im Kriegs- oder Krisenfall unter ein einziges nationales Interesse zusammenschweißen können. Ideologien funktionieren als „notwendig falsches Bewusstsein“, die die realen Sachverhalte im Sinne der Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Verhältnisse verschleiern.
Zum Feld der Ideologie gehört auch die Militarisierung der Gesellschaft. Die Mobilmachung der Staatsbevölkerung unter das nationale Interesse, für das es im Ernstfall auch mit dem eigenen Leben einzustehen gilt, ist vital für die Etablierung staatlicher Herrschaft im In- und Ausland. Dies ist sogleich der wahre Zweck des Vordringens der Bundeswehr in zivilgesellschaftliche Bereiche. Sie sucht sich in der Bevölkerung der moralischen Unterstützung für das von ihr im Ausland durchgesetzte nationale Interesse zu versichern, schließlich muss sie ihr auch immer wieder diejenigen Soldaten sinnvoll vermitteln, die nur in Särgen heimkehren. Dazu muss sie ihr miefiges Image beseitigen und sich selbst zu einer modernen und ansprechenden Truppe aufwerten, die sich vorgeblich auch um Waisenkinder oder die Finanzierung eines Recklinghäuser Hospizes sorgt.
Wir wenden uns gegen den Schulterschluss von Bundeswehr und Bevölkerung und ihre karikative Selbstinszenierung. Wir wenden uns gegen die ideologische Verschleierung ihrer eigentlichen Funktion innerhalb der kapitalistisch geordneten Welt. So, wie wir den „Großen Zapfenstreich“ in Haltern am See im Oktober 2009 lautstark gestört und das militaristische „Konzert der Nationen“ im September 2010 im Recklinghäuser Festspielhaus kritisch begleitet haben, demonstrieren wir unsere Ablehnung gegenüber dieser kapitalistischen Welt wie auch der Rolle, die die Bundeswehr in ihr spielt, heute beim Auftritt des Bundeswehr-Musikkorps in der Marienkirche in Recklinghausen. Um eine Perspektive auf eine menschliche Gesellschaft abseits von Konkurrenz, abseits der strukturellen Gewalttätigkeit, abseits der Notwendigkeit von Armeen und Kriegen zur Sicherung ihrer Ordnungsprinzipien aufzuschlagen, setzen wir dem nationalen Interesse unser Ungehorsam entgegen.
Eine solche Gesellschaft nennen wir Kommunismus !
Antimilitaristische und autonome Aktionsgruppen aus dem Kreis Recklinghausen und dem Ruhrgebiet

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