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Die Landsmannschaft Schlesien am rechten Rand

7.4.2011

Infolge der Veröffentlichung interner Daten aus dem rechtsradikalen Forum Freie-Freunde.de, die unter anderem einen Skandal um den Spitzenkandidaten der NPD in Sachsen-Anhalt, Matthias Heyder, zur Folge hatte, gerät jetzt auch die im Bund der Vertriebenen organisierte Landsmannschaft der Schlesier ins Schlaglicht, die alljährlich in Haltern ein großes Treffen abhält. Während Heyder in dem Forum unter dem Pseudonym „Junker Jörg“ noch im Landtagswahlkampf Bombenbauanleitungen und Aufforderungen, linke Politikerinnen zu vergewaltigen, gepostet hatte, ergaben Recherchen der tagesschau nun eine tiefgehende Verquickung von Neonazis und dem Vertriebenenverband. Dabei wurde insbesondere zutage gefördert, dass die Jugendorganisation der Landsmannschaft, die jedes Jahr im Juli ein geschichtsrevisionistisches Treffen auf dem Halterner Annaberg veranstaltet, seit 2005 maßgeblich durch Neonazis gelenkt wird. Die Pläne, durch eine Mitgliedschaft bei der „Schlesischen Jugend“ Einfluss auf die Geschicke der ganzen Landsmannschaft zu nehmen, tauschten die Neonazis dabei in besagtem Forum aus und diskutierten dort auch über ihr weiteres Vorgehen. Insbesondere abgesehen hatten es die Neonazis dabei offenbar auf „Ostfahrten“, also Busreisen in die Gebiete, die infolge des zweiten Weltkrieges in das Staatsgebiet Polens integriert wurden. In diesem Vorgang flossen also Bundesgelder zur Unterstützung der Vertriebenenverbände direkt in die Aktivitäten von Neonazis. Solche „Kulturfahrten“ sind ein relevanter Bestandteil der Strategie rechtsradikaler Kameradschaften, ihre vorallem jungen Mitglieder auf den gemeinsamen Kampf einzuschwören und sie fest in die rechte Erlebniswelt zu integrieren. Neonazis aus dem Ruhrgebiet fuhren so zuletzt am 06. März zum Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald und zur während der Zeit des Nationalsozialismus von der SS genutzten Wewelsburg und hielten dort ihr „Gedenken“ ab.


Neonazis aus dem Ruhrgebiet vor dem Hermannsdenkmal (06.03.11)

Auch das Konzentrationslager Auschwitz wurde von den Neonazis der Schlesischen Jugend besucht. In einem Erlebnisbericht schildert ein Teilnehmer der Fahrt über jüdische Besucher_innen des Konzentrationslagers: „Die zahlreichen Juden, die übrigens rassisch einen ganz üblen multikulti-Brei darstellen, ziehen freudig und mit wehenden Zionsfahnen in das Lager ein. Vor 60 Jahren wäre dies Verhalten durchaus begrüßenswert gewesen.“ – Infolge dieser Beobachtung verbrannten die Neonazis dann am selben Abend eine Fahne des Staates Israel.

Seit dem Jahr 2010 arbeitete die SJ dann offen mit der „Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland“ zusammen, die den alljährlich größten Neonaziaufmarsch Europas in Dresden veranstaltet. Sie wurde im Jahr 2000 vom Bund der Vertriebenen ausgeschlossen, weil der offen rechtsradikale Kurs dieser Jugendorganisation der Strategie des Bundes der Vertriebenen, Geschichtsrevisionismus und Revanchismus in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, nun zu offensichtlich widerlief. Besagter Großaufmarsch konnte übrigens in den letzten 2 Jahren durch militante Gegenwehr von autonomen Antifaschist_innen einerseits, friedliche Sitzblockaden andererseits verhindert werden.

Die Satzung der Landsmannschaft der Schlesier sieht eine personelle Überschneidung mit ihrem Jugendverband vor, indem der Vorsitzende der Schlesischen Jugend automatisch auch im Bundesvorstand der Landsmannschaft Schlesien vertreten ist. Damit wird die Landsmannschaft der Schlesier unter anderem vom Neonazi Fabian Rimbach geführt. Ob Fabian Rimbach auch an der Organisation des Schlesiertreffens in Haltern beteiligt ist oder sich in der Vergangenheit, womöglich mit weiteren Neonazis wie den Mitgliedern des „Nationalen Widerstand Marl“ und den ehemaligen „Autonomen Nationalisten Haltern“, unter den „Heimatvertriebenen“ auf dem Annaberg getummelt hat, ist noch nicht klar.


Mitglieder der „Vertriebenenverbände“ marschieren in Trachten auf dem Halterner Annaberg auf (25.07.10)

Seit der Veröffentlichung der der tagesschau vorliegenden Informationen vom 05.04. hat es nun erneut Diskussionen um die Verquickung von Neonazis und den „Vertriebenenverbänden“ bzw. um inhaltliche Überschneidungen gegeben. Am 07.04. hat sich dann die Vorsitzende des BdV, Erika Steinbach (CDU) öffentlich auch von dieser Jugendorganisation distanziert, die Unterschreibung einer Erklärung zur Abgrenzung von „Extremismus“ aber abgelehnt. Finanzielle Mittel des BdV sollten nun nicht mehr in die Kassen der Schlesischen Jugend fließen. Trotzdem gibt es nach wie vor inhaltliche als auch personelle Überschneidungen zwischen den Organisationen.

Das nächste Treffen von Geschichtsrevisionisten der Landsmannschaft der Schlesier in Haltern ist derweil für den 24.07.2011 angekündigt. Die jährlichen Treffen sollen das Unrechtsbewusstsein über die „Vertreibung“ kollektivieren und mit der Aufrechterhaltung einer deutsch-schlesischen Kultur die revanchistischen Ansprüche auf die Gebiete jenseits von Oder und Neiße aktualisieren, ohne dabei aber zu offen nationalsozialistisches Gedankengut wie etwa die Ideologie von Blut und Boden zu propagieren. VIelmehr sind ja die Vertriebenenverbände, das zeigen personelle Kontinuitäten von Funktionären der NSDAP und Funktionären des nach dem zweiten Weltkriegs gegründeten Verbandes, ein Versuch, nationalsozialistische Ideologiefragmente reformistisch im bundesdeutschen Konservativismus aufgehen zu lassen.

Antifaschist_innen aus Haltern hatten sich bereits in der Vergangenheit mit dem „Vertriebenenverband“ der Schlesier und den alljährlichen Treffen auf dem Annaberg beschäftigt. Im Jahr 2008 führte eine Demonstration duch die Halterner Innenstadt, um das gleichzeitig stattfindende geschichtsrevisionistische Treiben auf dem Annaberg zu skandalisieren. Einem , Aufruf, gegen das Treffen im Jahr 2009 vorzugehen sowie den Anmerkungen zum BdV, „Völkische Ideologie als Menschenrecht“ waren dann keine weiteren Aktivitäten mehr gefolgt. Das alljährliche Schlesiertreffen ist fest ins Halterner Stadtleben integriert, Personen des öffentlichen Lebens und LokalpolitikerInnen nehmen an den Treffen teil oder halten sogar Reden vor den in Trachten aufmarschierenden Mitgliedern der Verbände und das Treffen ist in die katholische Sankt Anna-Wallfahrt der Pfarrgemeinde St. Sixtus eingebettet. Eine nahhaltige Skandalisierung der Treffen auf dem Annaberg, die bereits seit 1945 stattfinden, ist bisher nicht gelungen.


Antifa-Demo in Haltern gegen das Geschichtsrevisionistentreffen auf dem Annaberg (20.08.08)

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